Emmanuel Macron: Vom Politikjungstar zum Krisenpräsidenten

Porträt
Von Rachel Boßmeyer, dpa

Paris (dpa) – Der Präsident arbeitet im Kapuzenpulli, der Präsident fläzt sich im aufgeknöpften Hemd auf ein Sofa, der Präsident drückt einem Kind beim Bad in der Menge einen Kuss auf die Wange.

Den Bildern, die zuletzt von Emmanuel Macron die Runde machen, ist anzusehen, dass der französische Staatschef im Wahlkampf-Endspurt sein Image als abgehobener Mann der Eliten abzuschütteln versuchte.

«Präsident der Reichen» – dieses Etikett haftet Macron an, seit der frühere Investmentbanker vor fünf Jahren als Außenseiter die Wahl um den Einzug in den Élyséepalast gewann. Ausgerechnet ihn, der einen politischen Neuanfang versprach, sehen viele als festen Bestandteil, gar als Inbild, der Politik-Elite. International gilt er hingegen als neuer Impulsgeber in Europa und im Ukraine-Krieg als einer der wichtigsten Vermittler auf dem Kontinent.

Innen Widerstand, außen Anerkennung

Macron ist als junger Präsident voller Tatendrang bekannt geworden, wollte die Nato und die Europäische Union umkrempeln, eine Welle von Reformen über Frankreich rollen lassen und im Laufschritt Schluss mit dem verkrusteten System der französischen Politik machen. Bei weitem nicht alles ist dem ambitionierten Staatsmann gelungen. Immer wieder stieß der Liberale auf heftigen Widerstand. Wochenlang protestierten Franzosen gegen seine letztlich gescheiterten Rentenpläne. Die «Gelbwesten» demonstrierten schon bald gegen seinen Politikstil an sich. Die Wut mancher bekam Macron auch körperlich zu spüren, musste sich ohrfeigen und mit einem Ei bewerfen lassen.

Der 44-jährige Mitte-Politiker aus dem nordfranzösischen Amiens polarisiert. Mal begeistert er als charismatischer Redner, mal stößt er mit seinen klaren Worten an: Unvergessen bleibt seine Äußerung, er wolle Ungeimpfte in der Corona-Krise bis zum Ende nerven.

Doch Macron sieht bei sich selbst eine Lernkurve. Ohne Zweifel sei er manchmal hart und ungestüm gewesen. An der Seite der Franzosen habe er dann gelernt, sie besser zu lieben, bilanziert er – mit mehr Nachsicht und Wohlwollen. Macron sucht den Dialog, zeigt sich fehlbar. Offen ging er im Wahlkampf ins Gespräch mit denen, die ihm ins Gesicht sagten, sie bereuten es, ihn gewählt zu haben.

Großer Wandel bleibt aus

Macron ist einer, der bei etlichen Themen mitmischen will, aber vielleicht auf zu vielen Hochzeiten tanzt, um am Ende auch wirklich sichtbare Ergebnisse hervorzubringen. Zahlreich waren die Momente, in denen er leidenschaftlich Veränderung predigte, doch der große Wandel blieb aus. «Man transformiert das Land nicht in fünf Jahren», sagte Macron vor Kurzem und gestand in einem anderen Interview, die Zeit im Élysée sei zu schnell vergangen. Macron ist als Präsident zwar teils mutige Schritte gegangen, hat die Arbeitslosigkeit eingedämmt und Frankreich wirtschaftlich voran gebracht, doch ein klares politisches Vermächtnis hinterlässt er nicht.

Mit Blick auf die Wahl schien Macron trotz der etlichen Krisen, die ihn beutelten, lange Zeit fest im Sattel zu sitzen. So kümmerte sich der frühere Elitestudent nicht um den Wahlkampf und ließ auch damit seine rechte Widersacherin Marine Le Pen gefährlich nah an sich heranrücken. Erneut hofft er nun, wie bereits 2017, auf breite Unterstützung verschiedener Lager zählen zu können, die eine Präsidentin Le Pen unbedingt verhindern wollen.

Doch während Macron vor fünf Jahren noch ein eher unbeschriebenes Blatt war, wissen nun alle, was mit einer neuen Amtszeit auf sie zukäme. Im linken Lager vor allem: Enttäuschung und Frustration. Denn der Ex-Sozialist vertritt mittlerweile eher liberal-konservative Themen. Dass er im Endspurt des Wahlkampfs eine komplette «Neuerfindung» seiner Politik versprach und die Klimafahne schwenkte, dürfte wohl die wenigsten bewegen. Selbst wenn die Mehrheit Macron am Ende zähneknirschend ihre Stimme geben sollte, wird entscheidend sein, ob er dann auch begeistern und versöhnen kann oder ob ihm eine neue Protestwelle quasi schon ins Haus geschrieben ist.

 

 

 

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