Shoah-Zeitzeugin spricht im Landtag

Seit über zwei Jahrzehnten gedenkt der rheinland-pfälzische Landtag am 27. Januar im Rahmen einer Sondersitzung an die Opfer des Nationalsozialismus. In diesem Jahr berichtete die Zeitzeugin und Shoah-Überlebende Monique Lévi-Strauss über ihre Erinnerungen und Erfahrungen an die Zeit in Nazi-Deutschland. Lévi-Strauss hatte am heutigen Regino-Gymnasium in Prüm in der Eifel 1944 ihr Abitur abgelegt. Aufgrund der Corona-Pandemie fand das Gedenken in hybrider Form statt. Im Plenarsaal versammelten sich Landtagsabgeordnete, Ministerpräsidentin Malu Dreyer sowie weitere Mitglieder der Landesregierung. Die Veranstaltung wurde live gestreamt. Die Aufzeichnung wird auf der Website des Landtags veröffentlicht.

„Die Straßen standen voll Gaffer, aber sehr ruhig (…). Mit dem Autobus ging es in den Hof der Maxschule in Ludwigshafen (…). Es wurde fotografiert und gegafft“. Mit diesen Worten zitierte Landtagspräsident Hendrik Hering eindringlich die Erinnerungen Ida Loebs an ihre Deportation in das französische Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen im Oktober 1940. Sie wurde mit weit über 1.000 jüdischen Pfälzerinnen und Pfälzern abtransportiert.

Landtagspräsident: Bleiernes Schweigen, Wegsehen und Nicht-Wissen-Wollen

Mit dem Ende der NS-Diktatur sei das Leid der Opfer oftmals noch nicht vorbei gewesen, betonte Hendrik Hering. Mitwisser und Mittäter habe es auf allen staatlichen Ebenen gegeben. „Viele der Verfolgten fanden sich nach 1945 in den Amtsstuben denselben Beamten gegenüber wie während der NS-Diktatur“, sagte Hendrik Hering. In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik und von Rheinland-Pfalz habe sich ein „bleiernes Schweigen über die Gräuel der Diktatur gesenkt“. Was könne man heute also aus der Geschichte lernen, fragte Hering. „Wir können aus unserer Geschichte lernen, wie gefährlich Nicht-Wissen-Wollen beziehungsweise Wegsehen ist.“ Dazu gehöre auch, die Vergangenheit der eigenen Vorfahren und die Geschehnisse in der eigenen Gemeinde zu untersuchen. Laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2020 an der Universität Bielefeld verneinten fast 68 Prozent, dass ihre Vorfahren unter den Täterinnen und Tätern während der NS-Zeit und etwa 50 Prozent, dass Vorfahren von ihnen Mitläuferinnen und Mitläufer waren. „Meine Angst ist: Wenn sich das Narrativ „Meine Vorfahren waren nicht Täter oder Mitläufer“ weiter verstärkt, dann wird irgendwann Erinnerungskultur in Frage gestellt“, so der Landtagspräsident.

Alle Fotos: Landtag Rheinland-Pfalz/Kristina Schäfer

Insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Proteste gegen die Corona-Maßnahmen mahnte Hering: Wer neben Menschen marschiere, die die Opfer der Nationalsozialisten auf schändliche Weise entwürdigten, in dem sie sich beispielsweise einen sogenannten „Judenstern“ anhefteten und damit die Verbrechen des Faschismus relativierten, sei im wahrsten Sinne des Wortes – mindestens – ein Mitläufer. Wer am demokratische Kurs teilhaben wolle, der dürfe sich nicht mit Antidemokraten gemein machen.

Ministerpräsidentin: Wir wollen wissen, wir wollen erinnern

Auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer unterstrich die andauernde Verantwortung von Politik und Gesellschaft gerade auch in der heutigen Zeit. „Nie wieder“ heißt, die gleiche Freiheit und Würde aller Menschen in unserem Land zu schützen, wo immer sie gefährdet ist. Mit dem 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus bezieht Deutschland klar Position: Wir wollen wissen. Wir wollen erinnern. Als Land unternehmen wir aus diesem Grund alle Anstrengungen, um das Wissen über den Nationalsozialismus zu stärken und Begegnungen zu ermöglichen“, so die Ministerpräsidentin.

Zeitzeugin Monique Lévi-Strauss war es ein Herzensanliegen, persönlich vor Ort im Landtag von ihren Erfahrungen in Nazi-Deutschland zu berichten. Diese hat sie im 2021 auf Deutsch erschienenen Buch „Im Rachen des Wolfes“ niedergeschrieben und veröffentlicht.

Für einen Videobeitrag hatten sich Abiturientinnen und Abiturienten des Regino-Gymnasiums in Prüm in der früheren Schule von Monique Levi-Strauss auf Spurensuche nach der ehemaligen Abiturientin begeben und ließen das Publikum teilhaben an ihren Gedanken und Fragen an die Zeitzeugin. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von der israelischen Mezzosopranistin Shai Terry, Stipendiatin der Anni Eisler-Lehmann Stiftung Mainz. Zurzeit studiert sie an der Hochschule für Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie wurde am Klavier begleitet von André Röll.

Zur Person: Monique Lévi-Strauss

Geboren als Monique Roman 1926 in Belgien, lebt die Witwe des bekannten Soziologen heute in Paris. In ihrem 2021 auf Deutsch erschienenen Buch „Im Rachen des Wolfes“ schildert sie den Wahnsinn des NS-Regimes aus der Perspektive einer jüdischen Jugendlichen, die im Alter von 13 bis 19 Jahren in Nazi-Deutschland lebte. Allen Widrigkeiten zum Trotz konnte sie in Prüm in der Eifel – dem heutigen Regino-Gymnasium – ihr Abitur machen und musste als Praktikantin im Krankenhaus in Weimar erleben, wie Hunderten französischen Häftlingen des nahen Konzentrationslagers Buchenwald die lebensrettende medizinische Versorgung verweigert wurde. Währenddessen wartete Moniques Familie, versteckt in den Weinbergen bei Bingen, auf die Befreiung durch die Alliierten. Vom Kriegswahnsinn bis zur Aussöhnung mit den Deutschen: Die Lebensgeschichte von Monique Lévi-Strauss ist zugleich ein ergreifendes Dokument der Geschichte Deutschlands und der Aussöhnung mit der Vergangenheit.

Hintergrund 27. Januar:

Seit über zwei Jahrzehnten erinnert der rheinland-pfälzische Landtag am 27. Januar an die Opfer des Nationalsozialismus. Die erste Sondersitzung des Landtags fand 1998 in der damals neu eingerichteten „Gedenkstätte ehemaliges KZ Osthofen“ statt. Damit gehört der Landtag Rheinland-Pfalz zu den ersten Landesparlamenten in Deutschland, welcher die Anregung des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog von 1996 aufgriffen hatte und den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Gedenktag begeht.

 

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